Die Gegenwart und Zukunft der Crowdfinanzierung

Mihkel Stamm, Leiter des Crowdfunding-Bereichs bei FinanceEstonia und COO von EstateGuru

Das Geschäftsmodell des Crowdfunding hat sich in den zehn Jahren seines Bestehens bewährt; der Sektor wächst schnell und hilft der Wirtschaft. Laut einer Studie der Universität Cambridge gehört Estland zu den europäischen Spitzenreitern, was das Pro-Kopf-Volumen an alternativen Finanzierungsmöglichkeiten betrifft. Unser Ziel ist es, in diesem Bereich auch in Bezug auf Qualität, Stabilität und technologische Innovation führend zu werden.

Der Sektor wächst schnell

Allein in Estland wurden über 20 Crowdfunding-Plattformen registriert. Die Zahl der Anbieter nimmt auch in den Nachbarländern zu. Warum gibt es in Estland so viele Crowdfunding-Plattformen? Der Grund liegt sicherlich in der Einfachheit der Geschäftsgestaltung, für die wir weltweit bekannt sind. Ein weiterer Grund ist das Fehlen einer lokalen Regulierung, die wiederum die Registrierung von Crowdfunding-Plattformen vereinfacht. Eine europäische Crowdfunding-Verordnung, die einen gemeinsamen Rahmen für alle Länder festlegt, ist seit 2018 in Vorbereitung und wird spätestens im nächsten Jahr in Kraft treten. In der Zwischenzeit haben einige EU-Mitgliedstaaten (wie Finnland und Litauen) eigene Regelungen entwickelt und im Einsatz. Estland ist daher ein guter Standort für Unternehmen ohne direkte Regulierungsaufsicht.

Estland hat sich für eine europäische Regulierung eingesetzt, wobei das Finanzministerium und FinanceEstonia sich beide aktiv an der Erarbeitung des Regelwerkes beteiligt haben. Meiner Meinung nach war dieser Ansatz nicht falsch, denn Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass hastig verabschiedete Vorschriften unangemessen waren und unnötige Beschränkungen sowohl für die anbietenden Unternehmen als auch Nutzer von Crowdfunding-Lösungen darstellen.

Bisher wurde die Crowdfinanzierung in Estland durch die Best Practice-Vorgaben von FinanceEstonia selbst reguliert. Die Best Practice wurde 2016 entwickelt. Ihr Ziel ist es, die Selbstregulierung durch die Marktteilnehmer zu gewährleisten und dadurch das Vertrauen und die Transparenz in diesem Sektor zu fördern. Um die Unabhängigkeit zu gewährleisten, werden die Zertifikate von einem Ausschuss ausgestellt, dem mehrere Anwaltskanzleien als Dritte angehören, die nicht direkt an Crowdfunding-Unternehmen beteiligt sind. Die ersten Best-Practice-Zertifikate wurden im Mai 2016 an fünf Marktteilnehmer vergeben.

Vertrauen und Verantwortung sind entscheidend

Bis jetzt haben sich die Crowdfunding-Plattformen in einem Klima des Wirtschaftswachstums ohne größere Krisen entwickeln können. In Europa gab es jedoch nun die ersten Konkurse, wodurch einige Investorengelder abhanden gekommen sind. In den letzten Wochen wurden die ersten lokalen betrügerischen Praktiken aufgedeckt.

Die Stärkung des Vertrauens und des Rufs sind entscheidend für die Förderung der Branche und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Die Plattformen, die die Selbstregulierung von Anfang an ernst genommen haben, indem sie offene Kommunikationsprinzipien anwenden, ihre Finanzergebnisse prüfen sowie zuverlässige und erfahrene Teams aufbauen, waren erfolgreich. Bei allen gescheiterten Anbietern war der Mangel an kompetenten Mitarbeitern eine der Hauptursachen.

Was liegt vor uns?

Der Crowdfunding-Sektor entwickelt sich weiterhin stark. Die meisten Marktteilnehmer sind keine Peer-to-Peer-Crowdfunding-Unternehmen mehr, sondern haben sich zu Hybriden entwickelt, an denen sich neben Privatkunden auch institutionelle und professionelle Anleger beteiligen. Zusammen mit Neobanken wie Revolut, N26, Monese usw. entsteht ein neues Finanzökosystem. Die ersten Kooperationsprojekte zwischen Neobanken und Kreditplattformen zur Erweiterung der Produktpalette sind im Gange1. Diese Zusammenarbeit wird sich in den kommenden Jahren sicherlich noch intensivieren.

Nicht nur die Zusammenarbeit zwischen den FinTech-Unternehmen intensiviert sich, sondern auch die zwischen dem traditionellen Finanzsektor und dem Crowdfunding. Beispielsweise hat Citadele kürzlich angekündigt2, dass es gemeinsam mit der Fellow Finance-Plattform in Finnland, die Verbraucherkredite vermittelt, in Kredite investiert. Als hervorragendes Beispiel aus Estland3 haben LHV, EstateGuru und Coinbase eine gemeinsame Lösung für Investoren entwickelt, die ihre Portfolios nun im Rahmen des Online-Bankings überwachen können.

„Grenzüberschreitend“ ist ein Schlüsselwort für all diese Beispiele. Die estnischen Plattformen haben bereits eine internationale Dimension erreicht: Bondora vergibt beispielsweise in Estland, Finnland und Spanien Kredite; Crowdestate in Estland, Lettland, Finnland und Rumänien; EstateGuru in den baltischen Ländern, Finnland, Spanien und Portugal. Sobald die europäische Regulierung in Kraft tritt, ist mit einer verstärkten Expansion in neue Länder zu rechnen. Dies wiederum trägt dazu bei, den Crowdfunding-Sektor voranzutreiben.

Die Investoren müssen auch darauf achten, worum es bei den verschiedenen Crowdfunding-Plattformen geht. Die Zuverlässigkeit eines Portals wird durch das Best-Practice-Zertifikat bestätigt, das vier in Estland betriebene Portale erhalten haben: Bondora Capital, Crowdestate, EstateGuru und Fundwise. Investoren sollten sich auch überlegen, wie lange das Portal bereits in Betrieb ist, wer die Eigentümer sind, welche finanziellen Ergebnisse erzielt wurden und welches Feedback die Nutzer gegeben haben.

Zusammenfassung

Der Finanzsektor entwickelt und reformiert sich, wobei der Anteil alternativer Finanzierungen steigt. Heute können wir die Entwicklung des Sektors sinnvoll unterstützen, ohne eine Überregulierung zu erleben, wie es im traditionellen Bankwesen der Fall war. Der Sektor ist reif für eine Regulierung, wie die aktive Selbstregulierung zeigt. Die Regulierung ist wichtig, um Investoren und Marktteilnehmer zu schützen, aber sie darf nicht zu einem Hindernis für die Anwendung neuer Technologien und Geschäftsmodelle werden. Alternative Finanzierungen können die internationale Tätigkeit lokaler Unternehmen unterstützen. Wir müssen nur abwarten und beobachten, welche alternativen Finanzierungsplattformen die nächste Erfolgsgeschichte Estlands werden.

1 https://www.altfi.com/article/4177_monzo-adds-investment-and-peer-to-peer-lending-to-its-marketplace

2 https://www.fellowfinance.com/news-archive/Citadele-starts-investing-through-Fellow-Finance_201911271225_PRESS-RELEASE

3 https://fp.lhv.ee/news/newsView?locale=et&newsId=5419797